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Oligolektie

Pollen ist der essentielle Bestandteil der Larvennahrung von Wildbienen.

Pollen

Pollenladungen verschiedener Wildbienen (Aufnahmen mit Rasterelektronenmikroskop).
A
: Sonnenblumen- (Helianthus-)Typ in der Tibia von Eucera alticincta (560x). B: 5x Natterkopf- (Echium-)Typ (kleinster Pollen), 1x Kreuzblütler- (Brassicaceae-)Typ (Oberfläche genetzt),1x Löwenzahn (Taraxacum-)Typ (durchbrochene Stachelkugel), Flockenblumen- (Centaurea jacea-)Typ (warzig), unbekannter Typ in der Tibia von Anthophora bimaculata (1140x). C: Glockenblumen- (Campanula-)Typ im Metatarsus von Melitta haemorrhoidalis (1000x). D: Hahnenfuß- (Ranunculus-)Typ in der Bauchbürste von Osmia florisomnis (520x). E: Weiden- (Salix-)Typ in der Tibia von Andrena vaga (1300x). F: Doldenblütler- (Apiaceae-)Typ in der Tibia von Andrena proxima (2900 x). (Quelle: Westrich 1990: Die Wildbienen Baden-Württembergs).

Schon seit langer Zeit ist bekannt, daß manche Bienenarten beim Pollensammeln die Blüten vergleichsweise weniger und immer wieder derselben Pflanzenarten besuchen, während ihr Blütenspektrum beim Nektarerwerb wesentlich breiter ist. Bereits 1925 hat sich Robertson mit diesem Phänomen befaßt und die Begriffe »monolektisch«, »oligolektisch« und »polylektisch« für das Pollenversammelverhalten geschaffen. Die Amerikaner Linsley & MacSwain haben sich erneut eingehend mit diesem Phänomen beschäftigt und 1957 eine dem damaligen Kenntnisstand angepaßte Definition des Begriffes »oligolektisch« gegeben, der ich mich anschließe.

Definition: Bienenarten werden dann als oligolektisch bezeichnet, wenn sämtliche Weibchen im gesamten Verbreitungsgebiet auch beim Vorhandensein anderer Pollenquellen ausschließlich Pollen einer Pflanzenart oder nah verwandter Pflanzenarten sammeln.

Da sich die Spezialisierung immer auf das Pollensammeln bezieht, können wir bei oligolektischen Bienen auch von Pollenspezialisten sprechen. Die Oligolektie ist im Normalfall auf Arten einer oder mehrerer Pflanzengattungen oder auf eine Pflanzenfamilie beschränkt. Polylektische Arten zeigen beim Pollensammeln keine Bindung an bestimmte Pflanzenarten.

Osmia adunca - Brutzelle mit Pollen

Der Larvenproviant in einer Brutzelle von Osmia adunca besteht zu 100% aus dem Pollen des Natterkopfs (Echium vulgare). Diese Mauerbienen-Art ist auf Arten der Gattung Echium (Natterkopf) in der Familie Boraginaceae (Rauhblattgewächse) als Pollenquelle spezialisiert.

Systropha planidens - Brutzelle

Der kugelförmige Larvenproviant in einer Brutzelle im Erdboden stammt ausschließlich von der Ackerwinde (Convolvulus arvensis). Auf der Pollenkugel liegt bereits eine junge Larve der Spiralhornbienen-Art Systropha planidens.

Oligolektische Arten finden wir in Mitteleuropa in folgenden 20 Bienengattungen (Näheres zur Klassifikation und zur Gattungsauffassung):

  • Hylaeus
  • Colletes
  • Panurgus
  • Panurginus
  • Camptopoeum
  • Melitturga
  • Andrena
  • Rophites
  • Rhophitoides
  • Dufourea
  • Systropha
  • Melitta
  • Dasypoda
  • Macropis
  • Anthidium
  • Osmia
  • Megachile
  • Lithurgus
  • Anthophora
  • Eucera
  • Bombus

Von den 429 nestbauenden Bienenarten Deutschlands sind 137 (ca. 32%) oligolektisch. In Mitteleuropa gibt es Beziehungen oligolektischer Bienenarten zu insgesamt 27 Pflanzenfamilien, die nachfolgend aufgeführt sind, wobei die Pflanzengattungen, auf die sich innerhalb der jeweiligen Familie noch engere Spezialisierungen beziehen, in Klammern genannt sind.

  • Alliaceae (Allium) - Lauchgewächse*
  • Apiaceae (Eryngium) - Doldengewächse
  • Araliaceae (Hedera) - Efeugewächse
  • Asparagaceae (Asparagus) - Spargelgewächse*
  • Asteraceae - Korbblütler
  • Boraginaceae (Anchusa, Cerinthe, Echium, Symphytum) - Boretschgewächse
  • Brassicaceae (Cruciferae) - Kreublütler
  • Campanulaceae (Campanula, Jasione) - Glockenblumengewächse
  • Cistaceae (Helianthemum) - Zistrosengewächse
  • Convolvulaceae (Convolvulus) - Windengewächse
  • Cucurbitaceae (Bryonia) - Kürbisgewächse
  • Dipsacaceae (Knautia, Scabiosa, Succisa) - Kardengewächse
  • Ericaceae (Calluna, Erica, Vaccinium) - Heidekrautgewächse
  • Fabaceae (Vicia, Lathyrus, Chamaecytisus) - Schmetterlingsblütler
  • Hyacinthaceae (Ornithogalum) - Hyazinthengewächse*
  • Lamiaceae - Lippenblütler
  • Linaceae (Linum) - Leingewächse
  • Lythraceae (Lythrum) - Blutweiderichgewächse
  • Malvaceae - Malvengewächse
  • Onagraceae (Epilobium) - Nachtkerzengewächse
  • Orobanchaceae (Odontites) - Sommerwurzgewächse*
  • Plantaginaceae (Veronica) - Wegerichgewächse
  • Primulaceae (Lysimachia) - Primelgewächse
  • Ranunculaceae (Ranunculus) - Hahnenfußgewächse
  • Resedaceae (Reseda) - Resedengewächse
  • Rosaceae (Potentilla) - Rosengewächse
  • Salicaceae (Salix) - Weidengewächse

Im westlichen Südeuropa kommt mit den Asphodelaceae (Affodilgewächse) eine weitere Familie hinzu, in der jüngst eine Spezialisierung auf Asphodelus bekannt wurde.

* Die Alliaceae, Asparagaceae, Asphodelaceae und Hyacinthaceae wurden früher als Teil der Liliengewächse i.w.S. (Liliaceae) im weiteren Sinne betrachtet, werden heute jedoch aufgrund neuer Forschungsergebnisse (Dahlgren et al. 1985) als eigenständige Familien aufgefaßt (siehe auch die Exkursionsflora von Österreich von Adler et al. 1994 und die Flora von Deutschland von Schmeil-Fitschen 2006). - Auch die Scrophulariaceae wurden neu bewertet. Die früher darin enthaltenen Gattungen Odontites und Veronica wurden hinsichtlich ihrer Familienzugehörigkeit neu beurteilt und gehören nun zu den Familien Orobanchaceae bzw. Plantaginaceae.

Beispiele oligolektischer Arten und ihrer Spezialisierung finden Sie in diesen beiden Galerien, die in alphabtischer Reihenfolge nach den Pflanzenfamilien angeordnet sind:

Galerie 1: Alliaceae bis Cucurbitaceae
Galerie 2: Dipsacaceae bis Scrophulariaceae

In der Regel sind die Blühzeiten der spezifischen Pollenquellen mit den Flugzeiten der entsprechenden oligolektischen Arten synchronisiert, die daher meist nur eine Generation besitzen (univoltine Arten).

In unseren Breiten könnten als Beispiele hierfür die Arten angeführt werden, die an Salix (Weide), Echium (Natterkopf) oder Bryonia (Zaunrübe) oligolektisch sind. Bei uns gibt es fast keine oligolektische Arten, die zwei oder mehr Generationen haben. Ich konnte bisher nur bei Hylaeus signatus (Reseden-Maskenbiene) eine zumindest partielle zweite Generation mit Hilfe von Nisthilfen nachweisen. Für Bienenarten, die lang blühende Pflanzenarten oder nahverwandte Pflanzenarten mit langer Blühzeitfolge als Pollenquellen nutzen (Familien-Spezialisten), ist eine zumindest partielle zweite Generation nicht auszuschließen.

Eine Liste oligolektischer Arten gibt es auf der folgenden Seite.

Morphologische Anpassungen zum Pollensammeln lassen sich bei oligolektischen Arten nur in den wenigsten Fällen nachweisen.

Die Stirnstacheln von Rophites-Arten, die auf kleinblütige Lamiaceen (Lippenblütler) spezialisiert sind, können als eine Anpassung an das Pollenernten angesehen werden. Die Pollentransporteinrichtungen hingegen zeigen fast keine Anpassungen an die spezifischen Pollenquellen. Die Ausgestaltung der Pollenspeicher ist meist verwandtschaftsbedingt, was sich besonders gut an den Arten zeigen läßt, die auf Campanula (Glockenblumen) spezialisiert sind. Die Sandbienen Andrena curvungula, A. pandellei und A. rufizona besitzen wie alle Andrena-Arten eine Schienenbürste zum Pollentransport. Die Mauerbiene Osmia mitis transportiert den Campanula-Pollen wie alle anderen, teils oligolektischen, teils polylektischen Osmia-Arten mit Hilfe einer Bauchbürste. Die Sägehornbiene Melitta haemorrhoidalis speichert den Campanula-Pollen feucht in der Schienenbürste und Behaarung der Ferse, in der gleichen Art und Weise wie Melitta nigricans, die auf Lythrum (Blutweiderich) und Melitta tricincta, die auf Odontites (Zahntrost) spezialisiert ist. Aufgrund der Pollentransporteinrichtung kann also nicht auf Oligolektie oder Polylektie geschlossen werden.

 

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